Marrakesch: 1001 Nacht und 1001 Verkäufer

Es ist kurz nach 10 Uhr morgens und wir fallen todmüde in unser Bett. Während die meisten Touristen wahrscheinlich gerade beim Frühstück sitzen, haben wir in den wenigen Stunden des angebrochenen Tages schon so viel erlebt, das wir selbst kaum glauben, dass unser erster Tag in Marrakesch gerade erst anfängt.

Nach unserer Ballonfahrt kehren wir also in unser Riad zurück. Da wir mitten in der Nacht angekommen sind, kommen wir erst jetzt dazu, unsere Unterkunft so richtig anzusehen und die tolle Dachterasse vor unserer Zimmertür zu würdigen. Aber nun heißt es erstmal schlafen, um Energie zu tanken.

Auf geht´s, endlich Marrakesch erkunden

Nach zwei Stunden Schlaf und einer Dusche sind wir fit und wollen endlich los – rein ins Getümmel, rein in 1001 Nacht.

Wir treten aus der kleinen Gasse, in der sich unser Riad am Rande der Altstadt befindet. Unser Ziel: der Jeema El Fna – nicht nur der bekannteste Platz in Marrakesch, sondern einer der bekanntesten Plätze der Welt. Ein Schild weist uns den Weg. Doch trotzdem gehen wir einen anderen. Warum? Ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre alt, meint, wir dürften dort nicht lang gehen, weil dort gerade gebetet wird. Okay, das kommt uns komisch vor, da es sich doch um eine öffentliche Straße handelt und doch sicher nicht einfach auf der Straße gebetet wird. Aber wir wollen natürlich niemanden stören und nehmen also die Gasse rechts von der anvisierten Straße. Tja, und damit sind wir innerhalb der ersten Minuten in Marrakesch auf eine typische Touristenfalle reingefallen. Der Junge bot sich nämlich sofort als Guide durch die Gassen an. Wer schon mal in Marrakesch unterwegs war, weiß, das man sich hier höllisch verlaufen kann. Kinder versuchen daraus Kapital zu schlagen, indem sie Touristen wieder rausführen. Beziehungsweise erstmal reinführen, um ihnen dann helfen zu können. Wir können den Kleinen jedoch nach kurzer Zeit abwimmeln und uns mit GPS zum Jeema El Fna manövrieren.

Jeema El Fna bei Tag und Nacht

Auf dem Jeema El Fna ist tagsüber noch nicht so richtig viel los, gegen Abend sieht das hier ganz anders aus. Mit dem Sonnenuntergang füllt sich der Platz mit Einheimischen und Touristen. Männer mit Kobras versuchen den Touristen Geld für ein Foto mit der Schlange abzunehmen, ein Mann hat einen Affen an der Leine, der ebenfalls als Fotomodell herhalten soll (grausam! das arme Tier!), Frauen bieten Henna-Bemalungen an, Geschichtenerzähler versammeln Menschenscharen um sich, Obsthändler pressen frische Säfte aus aufgetürmten Orangen und an den Garküchen preisen die Anwerber ihr Essen als das Beste auf dem ganzen Platz an. Kurzum: Wir wissen, gar nicht wo wir zuerst hingucken sollen.

An unseren zweiten Abend in Marrakesch suchen wir uns ein Restaurant mit Blick auf den Platz und können das Treiben von oben beobachten. Oben ist es verhältnismäßig ruhig, unter uns die Lichter der Stände und die Nebelschwaden der Garküchen.

Jeema El Fna bei Tag.

Der Platz von oben am Abend.

In den Souks der Medina

Nach dem ersten Eindruck vom Jeema El Fna stürzen wir uns einfach rein in die Souks der Medina. Einfach los. Wir haben kein bestimmtes Ziel. Und das ist auch gut so, verloren geht man sowieso.

Wir laufen also durch die Gassen der Souks, die mal enger, mal breiter sind, mal dunkel, mal hell. Es gibt Keramik, Lederwaren, typische Souvenirs, hier wird geschreinert, dort geschweißt. Gerne würden wir dieses interessante Wirrwarr mal in Ruhe bestaunen. Die recht aufdringlichen Verkäufer lassen das leider nicht zu. Sobald wir kurz stehen bleiben oder nur etwas eingehender gucken, werden wir gleich von den Herren belagert. Was machen wir also? Schnell weitergehen. Schade.

Im Gerberviertel

Auch mitten auf der Straße quatschen uns immer wieder Männer an, die sich als Guide anbieten und uns die Tanneries (Gerbereien) zeigen wollen. Weil wir über die Lederverarbeitung hier (und in Fes) schon einiges gehört und in Dokus gesehen haben, willigen wir bei einem selbsternannten Guide also irgendwann ein. Für ein paar Dirham führt er uns zu den Becken, in denen die Tierhäute eingeweicht, vom Fell befreit, weich geklopft und gefärbt werden. Gegen den immensen Gestank haben wir glücklicherweise ein Bündel Minze bekommen, dass ich mir vor die Nase drücke. Die kurze Führung ist recht interessant und der Guide nett und engagiert. Aber natürlich endet sie in einem Ledershop, wo wir den Verkäufer enttäuschen müssen, dass wir kein Interesse an seinem Kamelleder-Hocker und den Lederjacken haben.

Entspannen über dem Gewürzmarkt

Gar nicht weit vom Jeema El Fna ist ein überaus charmanter Platz, auf dem Gewürze und andere Dinge verkauft werden. In einem hippen Rooftop-Café genießen wir mit anderen Lonely Planet Opfern den Blick von oben und sippen an kalter Zitronenlimo und essen unsere erste Tajine. Bei über 30 °C lässt es sich hier im Schatten ganz gut aushalten. Also bleiben wir gleich zwei Stunden bevor wir auf ein Neues loslaufen, um die ohnehin schon geschundenen Füße weiter zu traktieren.

Teezeit über den Dächern von Marrakesch

Nach einem krassen ersten Tag mit tausenden Eindrücken sind wir froh, dass unser Riad eine so tolle Dachterasse hat. Bei einem Gläschen Minztee geniessen wir die Ruhe abseits des Trubels bevor wir todmüde ins Bett fallen.

Grüne (überfüllte) Oase im Jardin Majorelle

Unseren zweiten Tag in Marrakesch beginnen wir mit einem Ausflug zum Jardin Majorelle. Statt Souks also mal ein botanischer Garten zur Abwechslung. Das haben sich leider auch hunderte anderen Touristen gedacht. Als wir in die Straße einbiegen, sehen wir eine mehr als hundert Meter lange Schlange. Gut, dann stellen wir uns halt 40 Minuten an. Jetzt sind wir schließlich schon mal hier. Außerdem haben wir sogar ein Taxi genommen (leider nicht ohne eine Diskussion über die Höhe des Trinkgeldes).

Endlich drinnen, verlaufen sich die Menschen glücklicherweise ein wenig im dichten Grün. Weniger wären aber schöner. Trotzdem geniessen wir den Jardin Majorelle. Hier gibt es nämlich viele Schattenplätze, die die Hitze etwas erträglicher machen und das blaue Haus von Yves Saint Laurent ist echt ein Hingucker.

Das berühmte blaue Haus.

Schon hübsch hier.

Happy.

Medersa Ben Yussuf und Maison de la Photographie

Zurück in der Medina gibt´s nochmal ein bisschen Kultur. Erst besuchen wir die Medersa Ben Yussuf (Koranschule) und anschließend das Maison de la Photographie. Auf der Dachterasse des Fotografiemuseums gönnen wir uns auch nochmal eine Tajine und kalte Limo, um die ganzen Sinneseindrücke von Mosaiken und Fotos in Ruhe sacken zu lassen.

Und? Wie fanden wir Marrakesch nun?

Tja, Marrakesch ist eine spannende Stadt. Gerade mal vier Flugstunden entfernt und gleichzeitig ein komplett andere Welt. Die Souks, die Mosaike, das Chaos…genau unser Ding. Die Dachterrassen der Riads und Restaurants, der leckere Tee – wunderbar!

Trotzdem verlassen wir Marrakesch mit einem kleinen “aber” im Kopf.

Außerhalb unserer Unterkunft und auf der Ballonfahrt, sind wir selten auf wirklich freundliche Menschen gestoßen. Die Aufdringlichkeit der Verkäufer (die manchmal fast aggressiv wirkten) war wirklich nervig. Später auf der Reise haben wir uns darüber oft mit anderen Touristen ausgetauscht, die derselben Meinung waren. Wir sind sogar zu dem Entschluss gekommen, dass die meisten Touristen vermutlich mehr kaufen würden, wenn man mal in Ruhe gucken könnte. Wenn man in der ersten Sekunde vollgetextet wird (und das wie gesagt echt offensiv), ist man ja doch eher abgeschreckt und will schnell weiter. Was wir außerdem doof fanden: die Abzockerpreise. Dass hier gehandelt wird und der erstgenannte Preis viel zu hoch ist, ist ja klar. Die Händler versuchen hier aber wirklich die Touristen voll zu verarschen. Nur mal als Beispiel: Ein deutsches Paar, das wir später kennengelernt haben, hat für zwei Kekse im Park (Kokosmakronen, die einzeln verkauft werden) ganze neun Euro bezahlt. Sie hatten sich einfach mit den Scheinen vertan. Das hat der Verkäufer natürlich genutzt. Schlau von ihm, aber irgendwie auch echt dreist.

Im Allgemeinen ist uns die Gesellschaft hier sehr hart in Erinnerung. Kinder, die Obdachlose ärgern, haben wir leider nicht nur einmal gesehen. Oder diese eine Situation, als uns ein Junge den Weg zum Taxistand gezeigt hat. Klar, hier muss man Trinkgeld für alles zahlen. Ist schon nicht so toll, aber ist halt so. Das weiß man vorher und gibt sich einfach damit ab. Wir haben dem Jungen umgerechnet einen Euro dafür gegeben, dass er uns 50 Meter weiter geführt hat (obwohl wir ihn noch nicht mal darum gebeten hatten, aber ihn abzuschütteln war nicht so einfach). Das fand er zu wenig. Wir saßen schon im Taxi als er immer noch vor der Scheibe klebte und auf mehr Geld bestand und leicht aggressiv wurde.

Ein anderer Punkt, der uns sehr negativ aufgefallen ist, ist die Nicht-Präsenz von Frauen. Teilweise hat man den Eindruck, Frauen gibt es hier gar nicht. Die Verteilung der Rollen ist hier ganz klar: Männer draußen, Frauen drinnen. Männer arbeiten als Verkäufer, Kellner, Taxifahrer, Kutscher und Handwerker. Sie sitzen in Cafés oder trinken gemeinsam Tee auf öffentlichen Plätzen. Marokkanische Frauen sehen wir so gut wie gar nicht. Höchstens mal auf dem Markt beim Einkaufen. Einzige Ausnahme scheinen die Hennamalerinnen auf dem Jeema El Fna zu sein und die paar Verkäuferinnen auf dem Gewürzmarkt.

Ich hatte mir Marrakesch wesentlich liberaler vorgestellt. So wird es ja auch immer angepriesen. Ich frage mich, ob sich die Gesellschaft und das Leben in Marrakesch in den letzten Jahren geändert hat. In vielen arabischen Ländern hat der Arabische Frühling ja leider nicht zu einer langfristigen Verbesserung der Achtung der Menschenrechte und mehr Freiheiten geführt, sondern das Gegenteil ist eingetreten und der Islam als bestimmende Maxime ist sogar noch stärker geworden. Da ich das erste Mal in Marrakesch bin, kann ich das leider nicht beurteilen.

Trotzdem dieser negativen Aspekte hat uns Marrakesch gut gefallen, schließlich gibt es hier jede Menge zu entdecken. Über alles andere sollte sich jeder einfach selbst ein Bild machen.

Hinterlass mir einen Kommentar